Freitag, 8. März 2013

Unisex-Mainstream bei Bild




Es kursieren in den Medien viele Merkwürdigkeiten über Gender, aber die Bild-Zeitung übertrifft sich bei diesem Thema selbst in Sachen Verdrehung. Vor ein paar Tagen berichtete das Blatt ganz aufgeregt über den Beschluss des Bezirks Friedrichhain-Kreuzberg in öffentlichen Gebäuden Unisex-Toiletten einzurichten – neben den bestehenden Frauen- und Männerklos wohlgemerkt. Ich kann die Aufregung darüber nicht verstehen. Sehr wohl kann ich mich darüber aufregen, dass Bild behauptet, „Hintergrund der Initiative sind Forderungen nach weiterer Angleichung der Geschlechterrollen (Fachbegriff: `Gender Mainstream´).“ (Quelle: siehe unten)
  
Im Beschluss des Bezirks steht nichts von Gender Mainstreaming. Alleine die Verbindung ist also falsch. Aber die Bild setzt noch eins drauf und erklärt uns Gender Mainstreaming als wären sie jetzt die Fachexpertise in Person. GM wird so erklärt: „wörtlich `Geschlechter-Vereinfachung´, beruht auf dem Gedanken, dass Geschlechter-Unterschiede mehr auf kulturellen als auf biologischen tatsachen beruhen.“ (@Bild: Tatsache ist, dass Tatsache groß geschrieben wird). Und weiter: „Ziel ist, die in der Gesellschaft verbreiteten kulturellen Unterschiede zwischen Mann und Frau zu beseitigen.“


Wenn es nach der Bild geht, bezieht sich also „Mainstream“ auf Menschen: Durch die Beseitigung von Unterschieden wird Gleichheit quasi erzwungen, also Unisex-Mainstream. Das ist FALSCH. Ein Blick in den Brockhaus hätte genügt, da seht zu GM: „Politische Strategie zur Gleichstellung der Geschlechter“ (2010: Bd. 8, Seite 2565). Es steht dort NICHT. „Angleichung der Geschlechter“, wie das bei Bild z lesen ist: „Bisweilen treibt das Angleichungs-Streben bizarre Blüten“ (usw. usf.).

Vielleicht ist der Brockhaus zu intellektuell für die Bild-Redaktion, alternativ lässt sich in Sachen GM auch online recherchieren. Wobei es sich empfiehlt nach seriösen (!) Quellen zu suchen. Die Bundeszentrale für Politische Bildung kann als solche bezeichnet werden; sie definiert Gender Mainstreaming so: „Gender Mainstreaming bedeutet, dass die Politik, dass aber auch Organisationen und Institutionen jegliche Maßnahmen, die sie ergreifen möchten, hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Gleichstellung von Frauen und von Männern untersuchen und bewerten sowie gegebenenfalls Maßnahmen zur Gleichstellung ergreifen“ (bpb, ohne Jahr). Hier wird deutlich: Das MainstreamING bezieht sich auf Verfahren und Entscheidungsprozesse – und nicht auf arme Bildzeitungslesende mit Ängsten vor uneindeutigen Geschlechtszuordnungen. Aber Verfahren und Prozesse sind natürlich etwas abstrakter als eine „Geschlechter-Vereinfachung“...

Und zuletzt: Die Logik des Beitrags ist in sich nicht schlüssig. Wenn es wirklich um eine ANGLEICHUNG ginge, dann würde es doch nur noch eine Toiletten-Form geben, oder? Alle müssten „mainstream“-mäßig die Unisex-Toilette benutzen (wie wir das zum Beispiel aus charmanten Pariser Cafés kennen, da gibt es in der Regel eine einzige winzige Toilette). Die Einrichtung von zusätzlichen Unisex-Toiletten ist nach meinem Verständnis keine Angleichung, sondern eine Ausdifferenzierung. Und genau so steht es auch im Beschluss: „Der Antrag sieht vor, dass nach wie vor eine ausreichende Anzahl binär-geschlechtergetrennter Toiletten existiert. Somit ist niemand gezwungen, eine Unisextoilette zu benutzen, wenn er oder sie sich damit unwohl fühlt. Die Wahlmöglichkeiten werden hingegen erweitert.“

Warum also die Aufregung? Als Berliner Steuerzahlerin wäre meine Einschätzung: Ein Skandal wäre das alles erst, wenn durch die Einrichtung von Unisex-Toiletten der Bau des neuen Berliner Flughafens erheblich verzögert würde.

Quellen: